Erbliche Augenerkrankungen


Erbliche Augenerkrankungen beim Labrador Retriever (Helena Niehof-Oellers)
Beim Labrador Retriever kommen verschiedene Augenerkrankungen mehr oder weniger häufig vor. Sie können je nach Art der Veränderungen einen gewissen Leidensdruck hervorrufen oder überhaupt keine Beeinträchtigung bedingen.
Für zwei Veränderungen stehen bereits DNA-Tests zur Verfügung, so dass diese in einigen Generationen ausgestorben sein könnten.
Ursache für die klinische Manifestation einer Augenerkrankung kann neben Erblichkeit auch eine Vergiftung, Infektion, Verletzung, eine Stoffwechselerkrankung, Diabetes, ein Vitamindefizit oder Trauma sein. Da die Beurteilung einer Abweichung als erblich nicht nur den betroffenen Hund sondern auch seine Familie (Vorfahren und Nachkommen) betrifft, ist eine korrekte Diagnose von äußerster Wichtigkeit.

Katarakt
Die Bezeichnung Katarakt wird für jegliche Art einer Trübung der Linse gebraucht, egal wie umfangreich sie ist, wo sie sich befindet oder welche Ursache sie hat. Nur wenige davon sind erblich. Die Linse erscheint gräulich oder milchig, besonders abends, wenn die Pupillen weiter geöffnet sind. ¬
Es gibt viele verschiedene Formen von Linsentrübungen, von denen nur einige erblich sind. Generell kann man sagen, dass die meisten erblichen Katarakte bei der Geburt nicht vorhanden sind, aber früh, meistens vor dem zweiten Lebensjahr auftreten. Viele erworbene Katarakte treten später auf und die meisten angeborenen Katarakte sind nicht erblich.
Beim Labrador Retriever tritt die Katarakt in aller Regel, aber nicht zwingend, beidseitig auf. Der häufigste Katarakt-Typ beim Retriever ist der nicht fortschreitende sogenannte hintere Pol-Star ohne Beeinträchtigung der Sehkraft. Die Trübung am hinteren Pol der Linse hat in aller Regel die annähernd dreieckige Form (wie ein Mercedesstern). Extrem selten kommt die fortschreitende Form mit vollständiger Blindheit im Alter von ca. eineinhalb Jahren vor. Gelegentlich tritt die Trübung aber auch erst sehr viel später auf.
Die Katarakt ist völlig schmerzfrei. Eine medikamentöse Therapie ist nicht bekannt.
Bei vollständiger Trübung der Linse bei sonst gesundem Auge kann eine Linsenextraktion (Staroperation) die Sehkraft wiederherstellen.
Da diese Abweichung in aller Regel keinerlei Krankheitswert für den Hund hat spricht nichts gegen eine Zuchtverwendung.
Sowohl ein dominanter Erbgang mit unterschiedlicher Penetranz als auch ein rezessiver Erbgang wurden in der Vergangenheit vermutet. Wahrscheinlich handelt es sich um ein komplexeres Geschehen, an dem mehrere Gene beteiligt sein könnten. Das oder die verantwortlichen Gene für den hinteren Polstar wurden bisher aber noch nicht gefunden.
Sowohl Animal Health Trust als auch Optigen versuchen dieses nach wie vor.
Deshalb werden weiter dringend Speichel- und/oder Blutproben von betroffenen Retrievern benötigt.

Generalisierte progressive Retinaatrophie oder Progressive Rod Cone Disease
(GPRA oder PRCD)
Heute kommt beim Labrador fast ausschließlich diese Form des Netzhautschwundes vor. Die Netzhaut erscheint bei der Geburt normal und beginnt beim Labrador typischerweise in einem Alter von drei bis vier Jahren mehr oder weniger schnell zu degenerieren. Das Endstadium ist die völlige Erblindung. Katarakt kann eine Folge von PRA sein.
PRCD wird monogen autosomal rezessiv vererbt. Es steht der Gentest von Optigen zur Verfügung. Für eine verantwortungsvolle Zucht muss lediglich ein Partner frei von dieser Krankheit sein, so dass maximal Trägertiere, die niemals an PRCD erkranken, gezeugt werden können. Es spricht also auch nichts dagegen, betroffene Tiere zur Zucht zu verwenden, solange sie noch klinisch gesund sind.

Retinadysplasie (RD)
Diese embryonale Fehlentwicklung der Netzhaut ist schon bei der Geburt vorhanden und schreitet nicht fort. Die Abweichung ist schmerzlos und nicht therapierbar.
Sie kann von einzelnen Rosetten- und Faltenbildungen (lokale oder multifokale Form) ohne Auswirkungen über größere abgelöste Bezirke (geographische Form) mit Einschränkung des Sehvermögens bis zur totalen Ablösung der Netzhaut (totale Form der RD) in schweren Fällen variieren. Diese schwere Form (RD/OSD für oculoskeletal disease) mit vollständiger Blindheit kommt sehr selten vor und geht mit Skelettmissbildungen (Chondrodysplasie/Zwergwuchs) einher. Nur für diese schwere Form steht ein Gentest von Optigen zur Verfügung.
Obwohl aufgrund des Verteilungsmusters der Nachkommen aus einer Träger mal Trägerverpaarung ein monogen autosomal rezessiver Erbgang als gesichert angesehen werden kann, ist die RD/OSD-Mutation nicht einfach rezessiv, da auch die Träger Symptome einer Retinadysplasie aufweisen können (sogenannte unvollständige Expression oder dominanter Erbgang mit unterschiedlicher Penetranz oder Ausdruckskraft).